Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft: Ein Schlosser aus Sachsen-Anhalt rettete einem Top-Manager aus Dallas das Leben. Jetzt sind sie Blutsbrüder Von Annette Hörnig und Josefine Lietzau
Als der Texaner mit dem Zug in Burg (Sachsen-Anhalt) ankommt, reißt gerade die Wolkendecke auf, die Sonne kommt raus. Sekunden später liegen sich James Chippendale aus Dallas und Klaus Kaiserin den Armen. Deutsch und englisch schallt es über den Bahnsteig. James feiert Wiedersehen mit seinem Lebensretter.
Spende
Im Jahr 2000 wurde bei James Chippendale, Versicherungsmanager aus Dallas, Leukämie diagnostiziert. Die Ärzte gaben ihm eine Überlebenschance von 50 Prozent. In letzter Sekunde fand sich ein passender Knochenmarkspender. Dass der 8313 Kilometer entfernt im Dorf Gütter in Sachsen-Anhalt lebt, wusste James natürlich nicht. „Ich hatte damals kaum noch Hoffnung“, erzählt er. Klaus Kaiser aus Gütter hatte sich damals für einen erkrankten Freund testen lassen. „Ist doch selbstverständlich“, sagt er. Warum das Aufhebens? Kaiser ist ein bodenständiger Mann, der einfach seinem Herzen und Gefühl gefolgt ist. Für den Freund passte sein Knochenmark nicht, aber Klaus’ Daten blieben in der Spenderkartei. Das rettete James das Leben.
Heilung
James Chippendale war 31 Jahre jung, als er an einer sehr aggressiven Form von Leukämie erkrankte. Er war voller Pläne, ein lebenslustiger, sportlicher junger Mann. Die Diagnose kam wie ein Schlag in die Magengrube, sie beinahe sein Todesurteil. Chippendale bekam Bestrahlung und Chemotherapie. Verzweifelt wurde eine Knochenmarkspende gesucht. Aber in den Staaten fand sich kein passender Spender für den schwer kranken jungen Mann. Die Universität Magdeburg reagierte auf den weltweiten ausgesandten Hilferuf, sandte ihre Werte ein. Und die Computer in Dallas meldeten dann den lang ersehnten Treffer: Das Blut von Klaus Kaiser und das von James Chippendale passte zu 100 Prozent zueinander!
Klaus Kaiser wurde erneut getestet und kam Ende 2000 in eine Berliner Klinik. Sein Arbeitgeber gab ihm drei Wochen frei, Kaiser wurde an der Hüfte Knochenmark entnommen, an drei Stellen. Eine Art Ischiasschmerz war alles, was der stämmigen Mann ca. 14 Tage nach der Entnahme noch verspürte. Als James Chippendale vom Blutkrebs geheilt war, hatte er nur einen Wunsch: „Ich wollte den Mann kennenlernen, der mir ein zweites Leben geschenkt hat!“ Nach zwei Jahren Frist, in der Anonymität gewährt werden muss, war es so weit. Über die Uni Magdeburg wurde mit Zustimmung von Spender Klaus der erste Kontakt vermittelt. Erst da erfuhr der Ostdeutsche, dass seine Spende ein Leben gerettet hatte. Und wer der Glückliche war.
Treffen
Seit 2003 fliegt James nun jedes Jahr nach Germany zu Klaus und dessen Familie. „Manchmal denke ich: Wow, das ist eine unglaubliche Geschichte. Ich verdanke Klaus, dass ich lebe“, sagt James. Er ist bei allen wichtigen familiären Ereignissen im Hause Kaiser mit dabei. Es scheint das Natürlichste der Welt. Er hat das renovierungsbedürftige Haus gegenüber für die Kaisers gekauft.

ür den Kampf gegen den Krebs hat James Chippendale den Verein »Love, Hope, Strength« gegründet, macht unermüdlich Werbung, um Erkrankten in aller Welt zu helfen. Auf seinem Bizeps hat er sich Klaus’ Namen eintätowieren lassen. James, der weltgewandte Geschäftsmann, hat in dem bodenständigen Schlosser aus Gütter seinen Blutsbruder gefunden – auch wenn beide die Sprache des anderen kaum sprechen. Sie scheinen einander wortlos zu verstehen. „Ich bin kein Held“, wehrt Klaus bescheiden ab. „Doch, für mich schon“, sagt James und drückt ihn.
JEDE STAMMZELLENSPENDE KANN HELFEN, DEN KREBS ZU HEILEN
Patient
Im März 2000 wurde bei James Chippendale Leukämie diagnostiziert. Drei Jahre später war er dank Chemotherapie und einer Knochenmarkspende geheilt. Seitdem kämpft er mit seiner Organisation »Love Hope Strength« dafür, dass Krebspatienten weltweit optimal medizinisch versorgt werden. Informationen im Internet: www.lovehopestrength.org
Spender
Mit dem Thema Knochenmarkspende sind immer noch viele Vorurteile, z. B. über Schmerzen und Risiken, verbunden. Der Test ist ein einfacher Abstrich im inneren Wangenbereich. Die Knochenmarkentnahme be deutet keinerlei Gefahr für den Spender, beeinträchtigt weder seine Blutwerte noch sein Rückenmark. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei informiert unter: www.dkms.de




