Love Hope Strength Foundation

Welt Online – Zwei “Blutsbrüder” und die Knochenmarkspende


Feb 2nd, 2009 – Vor gut acht Jahren spendete Klaus Kaiser aus Sachsen-Anhalt sein Knochenmark. Der leukämiekranke James Chippendale aus Dallas bekam es, wurde gesund. Der Amerikaner machte sich auf die Suche nach dem unbekannten Spender, fand ihn und inzwischen feiern sie nicht nur gemeinsam Geburtstag.

Als Klaus Kaiser damals im Krankenhaus aufwachte, stand ein weißhaariger Professor vor ihm. Der Arzt verbeugte sich und sagte ernst: “Ich bedanke mich im Namen der Menschheit.” Noch heute bekommt Klaus Kaiser Gänsehaut, wenn er davon erzählt. Schnell reibt er sich über die massigen Unterarme, so, als müsse er ein Schamgefühl verbergen.

Der 54-Jährige wurde in Burg bei Magdeburg geboren, er lebt im winzigen Ortsteil Gütter in dem Haus seiner Familie. Manche Balken, erzählt er, seien noch aus dem 18. Jahrhundert. An den Wänden seines Gästezimmers hängen Puzzles mit gemalten Motiven vom Meer. Seine Frau Regina hat Kuscheltiere auf die Sofalehne platziert. In der Ecke steht eine gummibaumartige Pflanze. Gelegentlich geht Klaus Kaiser an der Ihle hinterm Haus angeln, Plötzen und Barsche gibt es da. Er ist hier ganz und gar zu Hause. Hier passiert wenig den Tag über, und in der Nacht ist es sehr ruhig.

Weit entfernt und in einem ganz anderen Leben arbeitet James Chippendale mit seinem Versicherungsbüro daran, dass sich etwa Barack Obamas Inauguration ordentlich vollzieht. In Washington hat Chippendale zugesehen, wie der Präsident vereidigt wurde. Der 40 Jahre alte Mann aus Dallas ist sehr gut im Geschäft. Er ist viel herumgekommen in der Welt, arbeitet mit Rockmusikern zusammen, mit bekannten Sportlern. Bei der Tour des France hatte er mit Lance Armstrong zu tun. Ein glamouröses Leben. Hektisch und aufregend. Bei alledem ist Klaus Kaiser heimlich dabei, auch wenn er in Gütter sitzt.

Denn die beiden so verschiedenen Männer sind eng miteinander verbunden. “Er ist mein Blutsbruder”, sagt Klaus Kaiser mit fester Stimme. Und in diesen knappen Worten liegt viel Würde.

Die Geschichte

Um die Geschichte der beiden zu erzählen, muss man ein paar Jahre zurückgehen. Ein guter Freund von Klaus Kaiser war Ende der 90er-Jahre an Leukämie erkrankt. Ein Knochenmarkspender wurde dringend gesucht. Kaiser ließ sich testen und auf eine Liste setzen; obwohl seine Ergebnisse nicht passten, blieb er auf der Liste stehen und bestätigte die Bereitschaft in regelmäßigen Abständen. 200 Faktoren müssen bei einer Knochenmarkspende übereinstimmen. “Es ist doch relativ einfach, anderen Menschen helfen zu können, ohne selbst Schaden zu erleiden”, sagt er.

James Chippendale erkrankte 2000 an einer sehr aggressiven Form von Leukämie, er war 31 Jahre alt, ein sportlicher, stets gesunder junger Mann mit vielen Plänen. Die Ärzte gaben ihm eine 50-prozentige Überlebenschance. Er bekam Bestrahlung und Chemotherapie. Und eine Knochenmarkspende wurde gesucht; ohne Transplantation von Blutstammzellen wäre Chippendale bald verstorben. In den USA fand sich kein passender Spender, also suchte man weltweit. Die Universität Magdeburg versandte Ergebnisse, und die Computer in Dallas meldeten einen Treffer. Klaus Kaisers Blut passte zu 100 Prozent zu James Chippendales, Kaiser wurde untersucht, erneut getestet, im November 2000 kam er in Berlin in eine Klinik.

Der Schlossermeister arbeitete damals als Reparateur von Postfahrrädern, er fuhr von Gütter aus durch Sachsen-Anhalt und Niedersachsen und brachte die schwergewichtigen Fahrzeuge der Briefträger wieder in Gang. Sein Arbeitgeber stellte ihn drei Wochen lang frei. In der Klinik wurden an drei Stellen aus der Hüftschale mehrere Ampullen Knochenmark entnommen, es fühlte sich noch 14 Tage lang wie leichter Ischiasschmerz an. Die Spende blieb anonym.

Er hatte Glück, viel Glück

“Man hat mir nur gesagt, dass das Paket nach Dallas unterwegs ist.” Auch James Chippendale erhielt das Knochenmark ohne Kenntnis des Spenders, zwei Jahre müssen die Angaben unter Verschluss bleiben. Er hatte Glück, viel Glück. Die Therapie mit den Blutstammzellen funktionierte, er wurde gesund und ist heute krebsfrei; nur ein Auge ist durch Herpes-Viren beeinträchtigt.

Nach Ablauf der Frist wollte der Amerikaner wissen, wer ihm zu seinem neuen Leben verholfen hat. In Gütter fragte die Universität an, ob Klaus Kaiser bereit sei, mit dem Spendenempfänger in Kontakt zu treten. “Das war das erste Mal, dass ich gemerkt habe: Es hat geklappt. Weil der ja noch da war.” Und wie er heute schwer in seinem Sessel mit Schonbezug sitzt und die Arme hebt, erkennt man den Stolz dieses Mannes. Bescheidene Geste, große Leistung. Bald traf in der Dorfstraße ein Brief aus Dallas ein, geschrieben von James und von einem Freund übersetzt. In Abendkursen lernte Chippendale etwas Deutsch und buchte einen Flug.

Im Frühjahr 2003 reiste er zum ersten Mal nach Sachsen-Anhalt, die Kaisers und ihre zwei erwachsenen Kinder nahmen ihn herzlich in Empfang, das halbe Dorf feierte mit. Weder Klaus noch Regina Kaiser sprechen Englisch, es wurde viel übersetzt und erklärt. James hatte sehr viele Fragen, tief beeindruckt reiste er ab, als Geschenk ließ er einen Computer und eine Digitalkamera zurück. “Briefe dauerten ihm viel zu lange”, sagt Regina Kaiser und lacht. “Er möchte immer so viel wissen.” Auf Fotos legt James selig lächelnd den Kopf auf die Schulter der Frau. Seitdem gehen E-Mails und Fotos über den Atlantik, manchmal mehrere die Woche. Das amerikanische Tempo mitzuhalten ist für die Freunde aus Deutschland gar nicht so leicht.

Das neue Leben

“Ich häng immer hinten dran, weil ich keine Ahnung von Computern habe”, brummt Klaus. James Chippendales neues Leben sollte nicht wie sein altes weitergehen. Er begann mit dem Bergsteigen, er engagierte sich für Krebshilfe und gründete 2007 mit einem befreundeten, ebenfalls krebstherapierten Rockmusiker eine Stiftung, “Love Hope Strength”, die Geld für Krankenhäuser sammelt. Einen Großteil seiner Zeit arbeitet er nun für die gute Sache, hält Vorträge, gibt Interviews. Um Aufmerksamkeit zu erregen, spielten sie Musik an ungewöhnlichen Orten, auf dem Empire State Building etwa und im nepalesischen Basiscamp des Mount Everest auf etwa 5400 Meter Höhe. Im Herbst 2008 gab die Truppe von “Love Hope Strength” ein Konzert in Machu Picchu in Peru. Mehr als 1,5 Millionen Dollar sind so gesammelt worden. Das nächste große Projekt seiner Stiftung ist die Besteigung des Kilimandscharo im September. Mit Musikern will er dort hinaufsteigen und oben ein Konzert geben, um für noch mehr Spenden zu werben.

Zum 50. Geburtstag von Klaus zog sich James ausnahmsweise einen Anzug an und überraschte ihn mit seinem Besuch. Die zwei Männer tanzten in einer Kneipe in Reesen, sie wippten und rockten.

Regina sagt: “Der kann so verrückt und ausgelassen sein.” Klaus sagt: “Eigentlich ist er wie ein Sohn für mich.” James sagt: “Man sollte glauben, wir seien so verschieden, aber im Herzen sind wir es nicht. Klaus würde alles für die tun, die er liebt, und er hat mir beigebracht, es genauso zu halten.”

Ein Haus für den Nachwuchs

Vor mehr als zwei Jahren verlor Klaus seine Arbeit, die Firma ging pleite. Es hat dem starken Mann zugesetzt. Als er auf Probe in Bayern auf Montage ging und pendelte, musste er sich eingestehen: “Nee, kannste nicht mehr.” Seine weiteste Fahrt hat das Ehepaar nach Italien gemacht, an die Amalfi-Küste, sehr schön war das. Ob sie denn auch einmal nach Dallas reisen würden? “Ich habe noch nie in einem Flugzeug gesessen”, sagt Klaus leise.

Bei seinem letzten Besuch brachte James einen Vertrag in die Dorfstraße mit, er hatte das leer stehende Haus gegenüber gekauft. Als Geschenk, der Nachwuchs könnte einmal dort wohnen. Ein Enkelsohn ist schon geboren, eine Enkeltochter unterwegs. Nun soll das Häuschen renoviert werden, aber die Baugenehmigungen und die Verhandlungen mit den Ämtern ziehen sich hin. Demnächst will James die größer gewordene Kaiser-Familie in Augenschein nehmen.

Seit ein paar Wochen arbeitet Klaus auch wieder in einer Kranfirma, er sei ganz zufrieden, sagt er. Jederzeit will er wieder Knochenmark spenden. Die Sache mit James hat ihn stark geprägt. “Eine ganz einfache Art, Menschen zu retten, einfacher geht es nicht”, sagt er. “Wer einen Ertrinkenden aus dem Wasser zieht, hat es schwerer.”

Auf das soziale Engagement von James ist Klaus besonders stolz. Er fühlt sich, als sei er dabei. Durch seine Spende hat er etwas ermöglicht und ausgelöst, was er von Gütter aus natürlich nie könnte. “Man kriegt einen anderen Sinn fürs Leben”, sagt er.

http://www.welt.de/vermischtes/article3130959/Zwei-Blutsbrueder-und-die-Knochenmarkspende.html